Zugegeben, es ist
gewagt: Ich möchte Ihnen in knapp 500 Wörtern einen Gedichtband ans
Herz legen. Gedichte? Um Gottes Willen, werden Sie sagen, und nervös
nach der Maus langen. Sie erinnern sich ans Auswendiglernen von
Friedrich von Schillers "Glocke", vielleicht auch an Robert
Gernhardts Tätigkeitsprofil des gemeinen Verseschmieds: "Abends
zählt er seine Leiden, / tut sich an dem Vorrat weiden, / wählt eins
aus, bedichtet es, / und das Dichten richtet es." - Seit Endreim und
Versfuß außer Mode gekommen sind, hat sich das Lyrikaufkommen in
unseren Breiten beträchtlich erhöht. Egal, ob Gymnasiast, Arztgattin
oder Büchner-Preisträger: Alle tun es! In modischer Kleinschreibung,
willkürlichem Zeilenbruch, ohne Punkt und Komma fließt es in die
Notebooks und erreicht uns in Literaturzeitschriften, Anthologien
und gar manchem Suhrkampbändchen. Susanne Neuffers Gedichte suchen
nicht den hohen Dursgrünbeinton, und das verkaufsfördernde Etikett
"Pop" lassen sie sich schon gar nicht aufkleben. Neuffer begibt sich
mit ihren Texten stattdessen auf eine spannende Expedition in den
bürgerlichen Alltag. Egal, ob sie über Männer und Frauen,
Kleinmöbel, Reisen an entfernte exotische Orte oder -- Benjamins
Engel der Geschichte an der Hand -- in die eigene Kindheit schreibt,
mit ihr sehen wir die längst selbstverständlich gewordenen Menschen
und Dinge neu, anders, genauer. Ein Blick vom Gasometer auf die
"neue mitte oberhausen" etwa, zubetonierte Schachtanlagen und
wachsende Yachthäfen, oder eine überraschende Erkenntnis, durchs
Zugfenster wargenommen: "die giebel süddeutscher kleinstädte / und
das leben / stimmen / in ihren umrissen / nicht mehr / überein" ("ICE-strecke").
Oder ein Vorort, high noon: "...neonkinder plumpsen in die haustüren
/ und heizen ihr mittagessen auf // plastiksäcke am straßenrand /
spielen kalender // es ist schon wieder donnerstag // man sagt / es
sei das leben" ("vorort"). "Die Aufgabe des Dichters", meinte der
Landarzt William Carlos Williams aus der Kleinstadt Rutherford, New
Jersey, sei es, "nicht in vagen Kathegorien zu handeln, sondern im
Besonderen zu schreiben, im Einzelnen, so wie ein Arzt an seinem
Patienten an dem zu arbeiten, was er vor sich hat." Genau das tut
Susanne Neuffer, und sie tut es mit bemerkenswerter Stilsicherheit,
ohne je in Banalität abzustürzen. Ihre Sprache ist nicht die
klingende, singende, sondern die bedachte und ausgefuchste, nicht
frei von Melancholie, meist jedoch lakonisch und voller Ironie. Das
gefällt uns natürlich, ebenso, daß es ihr wichtig ist, "die namen
der dinge zu kennen", denn "das feuilletonistische schweben / neben
den dingen / macht so / müde". Scheinbar unabsichtlich und kaum je
politisch in einem handgreiflichen Sinn reflektieren Neuffers
Gedichte doch seismografisch genau die feinen Risse im
Beziehungsgeflecht der Eingeborenen des Freizeitparks Bundesrepublik
am Ende der neunziger Jahre: "abrupt / wechseln die eliten die
weinsorten / und steigen auf den gehwegen / herzlich und behutsam /
über die schlafsäcke" ("ausrede millenium"). "seid gegrüßt / ihr /
neben den deutlich sichtbaren", ruft Neuffer all jenen zu, die
diesen seltsamen, schönen, schweren Job -- das Leben -- täglich neu
beginnen. Warum? Vielleicht deshalb: "footballspieler / im flutlicht
/ an einem märzabend // langsame bewegungen / in der schwebe /
kältesteif // vielleicht / sollen wir doch getröstet werden"
("vollkommene schönheit").
Niklas Feldtkamp