“Zu den Dingen, die man Frauen nicht erzählen sollte, gehört, dass
man
die Nationalhymne zum Einschlafen braucht.”
Dieser Satz allein hat einen Preis verdient, womit wir bei unserer
Gewinnerin wären, Susanne Neuffer aus Hamburg, und dem Glück, dass
ihre
Geschichte so weitergeht, wie der klug-naive Ton es verspricht, der
an die
Großstadtliteratur der zwanziger Jahre erinnert und doch ganz anders
ist. Mit
einem Erzähler, der immer mehr in Fahrt kommt, und der am Ende den
Eindruck von etwas Überschäumendem und Vergnüglichem hinterlässt.
[...]
Susanne Neuffer sieht sich gern ihre Zeitgenossen an, vor allem
ihre
Anstrengung, sich wacker durchs Leben zu schlagen, und so zauberhaft
es ist,
bei einem solchen Wettbewerb ein sozusagen unbeschriebenes Blatt zu
entdecken, so erfreulich ist es denn auch zu sehen: es gibt noch
mehr von der
betreffenden Person zu lesen. So in ihrem Erzählungsband “Frau Welt
setzt
einen Hut auf” und in ihrem Gedichtband “Männer in Sils-Maria”.
Beide Bücher
sind im Maro-Verlag erschienen, der – man glaubt es kaum – auch
Christian
Schads Erinnerungen an seinen Freund Walter Serner herausgebracht
hat. So
stellt sich der Zusammenhang her und fügt sich aufs beste, ganz ohne
Metaphysik. Susanne Neuffer hält es wie die Kollegen, die einen
richtigen Beruf
hatten und schrieben, so wie Tschechow oder William Carlos Williams,
die sie
beide schätzt.
Sie führt in ihrer Geschichte vom Kopiergerätereparierer das
Klischee
“einsam am Tag und schlaflos in der Nacht” nicht in eine Heroik der
Einsamkeit,
wie die Moderne sie durchaus liebte, sondern sie kurbelt sie weiter
zur
Erkenntnis, dass der Mensch, der arbeitet oder schlaflos von den
anderen
arbeitenden oder schlaflosen Menschen hört und spricht, nicht allein
ist. Nicht
der einzige und nicht bedeutungslos, auch wenn das zu denken und zu
leben
anstrengend ist, vor allem, weil wir keine Kopien sein wollen. Das
wäre sonst
nämlich das nächste Klischee, das der Großstadt und ihrer
Anonymität. Doch
diese Annahme unterwandert unser Held mit seiner ungewöhnlichen
Neugier
und auf besonders gewitzte Weise.
Tanja Langer