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Minna von Barnhelm war blau
Vor dem Restaurant schoben sich die Eisschollen im Stadtparksee hin und her. Drinnen wurden die Vorspeisenteller klirrend auf die Platzteller gesetzt. Es war schon die Zeit für vollständige Mahlzeiten, keine Zeit für Flüchtiges. Wir aber sollten ja gleich aufbrechen nach Norden. Alle saßen schon vor leeren Milchkaffeeschüsseln in der verglasten Veranda, als ich dazukam. Ich stellte den kleinen Koffer an die Seite und verbarg den Umschlag tiefer in der Manteltasche. Sie waren bei der Zimmerverteilung. Etwas war schief gegangen, es gab zwei Häuser für uns alle, das eine würde für die beiden Paare, Hilde und Tom und Konrad und seine neue Frau, gut ausreichen, das andere war kleiner als geplant, zu klein für die drei Einzelnen und das Mädchen. Jemand würde im Wohnzimmer auf der Couch schlafen müssen. Ich nicht, sagte das Mädchen, die einzige Junge unter uns, und natürlich hatten wir sie sofort angesehen mit dem Blick, der sagte: Du bist jung, dir macht das nichts aus. Sie war etwa fünfzehn, und vermutlich nahmen es alle Karla übel, dass sie keine andere Lösung gefunden hatte, als sie mitzunehmen. Sie wollte also bei Karla im Zimmer schlafen. Wahrscheinlich dachte sie, sie könnte ihre Mutter dann besser unter Kontrolle haben. Immerhin war Fenech dabei, der einzige, der vielleicht in Frage kommen könnte, seit Anders tot war und Karla, seine späte neue Liebe, in unserem Kreis hängengeblieben war. Dies war ein Versuch. Im Prinzip waren wir vertraut miteinander, hatten Feste gefeiert, einige waren schon einmal miteinander in Urlaub gefahren.In diesem Jahr war Silvester nicht zustande gekommen, es hatte zu viele Umschichtungen, Einbrüche, Krankheiten gegeben. Die neue Unordnung hatte sich nicht in den vertrauten Ablauf integrieren lassen. Aber alle waren dafür gewesen, nun ein paar Tage ganz oben im Norden zu verbringen. Ich nehme die Couch, sagte ich schnell, und dachte an das alte Hotel am Ende der Straße, an das ich mich erinnerte, und während der ganzen Fahrt über die langsamen breiten dänischen Autobahnen dachte ich an das Hotel und die Begründungen, die ich brauchen würde, um nach der ersten Nacht überzuwechseln in Stille und Behaglichkeit. Der Rücken, ein verfrühtes Schlafbedürfnis, die Essensgerüche, Schlafstörungen überhaupt: all das würde ich vorsichtig beim Frühstück vorbringen. Es war dunkel, als wir ankamen, und unsere Häuser lagen weit ab in der Siedlung, rechts von der langen Dorfstraße, die sich und die Autos am Ende übergangslos an den Strand kippte. Halt mal an, sagte ich zu Fenech, der die ganze Strecke schweigend gefahren war. Warte. Ich will an meinen Koffer. Er hielt an und ließ mich aussteigen. Ich komme später nach, sagte ich, oder morgen früh [...]. Weiterlesen auf MDR-FIGARO |